Artist Statement

                                  

In meinen Arbeiten untersuche ich aus unterschiedlichen Blickwinkeln Lebensräume – Kontraste und Brüche interessieren mich ebenso, wie sich entwickelnde Synergien und Symbiosen.

Ausgehend von persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen, von eigenen Fotoreihen, aber auch alten Familienfotos, entstehen gemalte Serien in Acryl auf Holz.

Die Serie „Große Wäsche“ z.B. findet ihren Ausgangspunkt in einem einzigen Foto von 1960. Davon ausgehend entstanden weitere Fotografien, die Stimmung des Ausgangsfotos nachempfindend.

Alle Serien stellen das Alltägliche in den Mittelpunkt und fragen hierbei nach der Bedeutung der kleinen Dinge im Leben eines Menschen. Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, an denen unsere Erinnerungen hängen, bedeuten Sicherheit und können, je nach Emotion, mit denen wir sie aufladen, auch noch dem unscheinbarsten Detail unseres Lebens ein individuelles, rituelles und quasi-sakrales Moment verleihen.

In fast leeren, verlassenen Räumen rücken einzelne Gegenstände in den Vordergrund. Die Herausstellung alltäglicher Dinge als Ausdruck der Gefühlswelt und des Wertesystems einer Person, verweist auf den Menschen mit seinen Gewohnheiten und Vorlieben. Auf diese Art wird in jedem Bild der Fundus für eine Geschichte geschaffen, ohne die menschlichen Protagonisten je abzubilden.

 

 

 

Anamnesis Galerie Newcomer | KWS Art Lounge | März 2017 Gedanken zur Ausstellung von Michael Stude

Andrea Imwiehe untersucht aus unterschiedlichen Blickwinkeln Lebensräume mit ihren Brüchen, Kontrasten, ihren sich entwickelnden Synergien und Symbiosen.

So entstehen Serien, in denen sie ausgewählte Schwerpunkte thematisch immer wieder neu beleuchtet und darstellt.
Anamnesis – Diesen aus dem Griechischen stammenden Begriff, dieses Sprachbild, wählt sie als Thema der Ausstellung, wie auch der meisten Bildunterschriften.

Den Begriff der Anamnese kennen wir vor allem aus dem medizinischen, aber auch psychologischen oder pädagogischen Bereich, wenn Vergangenes persönlich erinnert werden soll, um gesundheitlichen Auffälligkeiten in der individuellen Biografie auf die Spur zu kommen und Erklärungen zu finden. Anamnese als eine Säule der Diagnostik.
Auch die Amnesie, die Störung oder der Verlust des Gedächtnisses an räumliche und zeitliche Erinnerungen, schwingt hierbei mit.

Anamnesis, die Erinnerung, begegnet uns bereits bei Platon. In seinen Ideen - jenen absoluten, zeitunabhängig bestehenden Urbildern aller Einzeldinge - begegnen wir dem Blick auf das wirklich Seiende, der eigentlichen Realität. Die Betrachtung der Einzeldinge kann also in der Seele Erinnerungen an die Ideen, deren Abbilder die Dinge sind, hervorrufen. Ein Anstoß zur Suche und Wiederentdeckung verlorenen oder verschütteten Wissens oder Erfahrungen.

Erinnerungen, die im Verborgenen oder unter der Oberfläche schlummern, die scheinbar vergessen sind, werden plötzlich durch einen besonderen und individuellen Impuls wieder lebendig und sichtbar.

Andrea Imwiehe macht solche Erinnerungen auf beeindruckende Weise sichtbar.
Sie greift solche Impulse beim Betrachten alter Fotos auf und macht sie zu zentralen Objekten eines neuen Bildes.

Dabei bevorzugt sie die Arbeitsmittel Holz und Acryl

Mit Acryl trägt sie zunächst verschiedene Farbschichten auf Holz auf.
Bemerkenswert auch die Begrenzung auf kleine Bildformate.
Auf den übereinander gelagerten Farbschichten, die beim genauen Betrachten am Rande sichtbar bleiben, entsteht in wohldosierten Farbabstufungen das in Szene gesetzte erinnerte Objekt.

Mit präzisem Schnitt macht sie dann im Hintergrund, eigentlich im Untergrund, weitere Objekte skizzenhaft sichtbar. Sie unter-sucht die Schichten im wahrsten Sinne des Wortes.

In ihrer Arbeitsweise werden auch die „Schichten“ ihrer künstlerischen Entwicklung spürbar:

Wir begegnen in den präzise geschnittenen und perfekt strukturierten und gezeichneten
Skizzen des Hintergrundes der gelernten Bauzeichnerin Andrea Imwiehe.
In der oberen Schicht begegnen wir in der freien Gestaltung der Studentin der HbK Braunschweig, wo sie ihr Studium der Freien Kunst bei Prof. Klaus Stümpel, Schwerpunkt Akt- und Naturstudien angeschlossen hat.
Der freien Gestaltung, der Komposition des Bildes stehen in einer tieferen Schicht die genormten und relativ starr und einschränkend wirkenden Zeichnungen gegenüber.

Wir begegnen in diesen Arbeiten aber noch einer dritten Andrea Imwiehe:
Durch die Begrenzung auf ausgewählte Farbtöne unterstreicht sie die Wirkung der erinnerten Objekte. Durch eine wohldosierte Farbwahl mit subtilen Farbabstufungen
erzeugt sie eigene Farbklänge, die beim Betrachten der Bilder mitschwingen.
Hier wird das Studium der Kunsttherapie spürbar, das sie an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg (bei Bremen) absolviert hat.

Die eingangs erwähnten Lebensräume, die sie in ihren Bildern unter-sucht und hinter-fragt, werden – auch durch die vielfältigen Schichten des Lebensweges - auf diese beeindruckende Weise ästhetisch und künstlerisch sichtbar.

Ihr Blick richtet sich auf das Alltägliche. Die scheinbaren Nebensächlichkeiten rücken bei ihr in den Mittelpunkt.

So begegnen uns hier Bilder aus dem Zeitfenster der Kindheit. Wir erleben ein Kind beim Gänse füttern. Im Vordergrund sehen wir das erinnerte Kind mit seinem fragenden und staunenden Blick aber auch seinen Emotionen. Die erinnerte Kleidung wird ausführlich dargestellt, während das Gesicht nur skizziert wird. Die erinnerten Gänse werden als Umriss im Hintergrund sichtbar. Das Geschehen wird in verschiedenen Bildebenen dargestellt, ohne einen eindeutigen Handlungsablauf damit zu verbinden.

In den kleinen Formaten rücken erinnerte Objekte in den Blickpunkt. Das Kind ist allerdings selten sichtbar. In diesen Bildern wird ein weiteres wichtiges Gestaltungsmerkmal in Andrea Imwiehes Arbeiten deutlich: Der Mensch als Hauptakteur jeder Erinnerung, also jeder Anamnesis, fehlt. Er taucht weder als Subjekt noch als Objekt auf.

Die Rolle als Akteur der Erinnerung überlässt sie dem Betrachter. Sie bezieht ihn unsichtbar mit in ihre Bild-Komposition ein. Unmerklich entstehen beim Betrachten Dialoge mit dem Bild und mit sich selbst. Durch die Auswahl und Gestaltung der Objekte schafft sie verbindende Elemente zum Betrachter. Es werden unsichtbare Bezüge zwischen ähnlichen oder gemeinsamen Lebenswelten hergestellt. Sie stellt nicht nur Erinnertes in den Mittelpunkt, sie rückt es gestalterisch auch in einen neuen Kontext.

So begegnen wir einem Gebäude, das im Hintergrund skizziert wird, aber durch die Präsenz der weißen Birkenstämme oder der grünen Büsche jeweils eine völlig andere Wirkung erzielt.

In den beiden Arbeiten werden die Schichten regelrecht gegeneinander vertauscht. Der bisherige Hintergrund mit der skizzierten Erinnerung rückt vollständig in den Vordergrund. Die faszinierenden alten Leitungssysteme und Gebäudefragmente überlagern die farbige Natur und den sichtbaren blauen Himmel. Die Erinnerungen werden völlig neu und anders geordnet und bewertet.
Ihre Bilder erzählen Geschichten, die über die Möglichkeiten sprachlicher Darstellung hinausgehen und Raum für eigene Schlüsse öffnen.
Sie nimmt uns mit in eine erinnerte Welt, die mit allen Sinnen erlebt wurde, mit Sehen, Hören, Begreifen, Fühlen aber auch Gerüchen.
„Die Seele ist es, die die schweigenden Bilder der Dinge bewahrt.
Ein Bild ist sprechendes Schweigen.“ sagt Max Picard.

Andrea Imwiehe schafft es auf geniale Weise, diese schweigenden Bilder beim Betrachter wieder zu wecken. Es entsteht eine Rückkopplung mit der eigenen Vergangenheit aber auch zur eigenen Gegenwart.

Die zunächst autobiografisch scheinenden Impulse aus alten Fotos, die individuelle vergessene oder verschüttete Erinnerungen zeigen, spiegeln nicht nur die Gefühlswelt und das Wertesystem einer Person. Sie sind auch Zeichen einer Zeit und eines sozialen Gefüges.
Sie implizieren die Suche nach prägenden, lebensgestaltenden Elementen verbindenden sozialen Miteinanders. Sie zeigen auch das Spannungsfeld individueller und gemeinsamer Formen, Möglichkeiten und Unterschiede der Wahrnehmungen.

In den vielen sich überlagernden Schichten der Erinnerungen verbergen sich nicht nur individuelle Schätze. Sie verbergen auch Wertesysteme und Wahrheiten, die Platon in seinen Ideen als bereits vorhandene Urbilder voraussetzt.

Ich sehe in den Arbeiten von Andrea Imwiehe neben dem Gedanken der Anamnesis noch einen weiteren Gedanken Platons:

In seinem bekannten Höhlengleichnis stellt er die Frage nach Wahrheit unserer
Wahrnehmungen. Jenem Gleichnis, in dem er beschreibt, wie Menschen mit dem Rücken zum Höhleneingang gewandt immer nur die abgebildeten Schatten sehen und sie letztendlich für die Wahrheit halten, weil sie keine andere Wahrheit kennengelernt haben.

Wir haben uns an eine unaufhörliche Flut von Bildern, Informationen, Geräuschen und Eindrücken gewöhnt, die uns im alltäglichen Leben beeinflussen, herausfordern und prägen. Der bereits erwähnte Max Picard beschreibt es als Struktur der Diskontinuität,
der allgemeinen Zusammenhanglosigkeit:
„Was vorbeizieht, ist gleichgültig, wichtig ist nur, dass etwas vorbeizieht.“

Mit ihren Arbeiten zeigt uns Andrea Imwiehe den mühevollen aber auch spannenden Weg,
Kontinuität in die Zusammenhanglosigkeit zu bringen, in tiefere und unbekannte oder ungenutzte Schichten unseres Lebens vorzudringen und sie zu ergründen. Auf diese Weise kann es gelingen, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, unsere Welt und unser Leben angemessen wahrzunehmen und zu bewerten.

Welche Gefahren für den einzelnen und die Gemeinschaft hier lauern, wenn es nicht gelingt, die eigene Wahrnehmung und die erinnerten Bilder zu ordnen, erleben wir mittlerweile in den weltweiten Nachrichten.

 

Verwendete Quellen:

Andrea Imwiehe – Texte Ausstellungsliste 2017 kws-einbeck, aus: www.andrea-imwiehe.de

Brigitte Kosch - HBK Braunschweig trauert um ihren langjährigen Professor Klaus Stümpel
aus: www.hbk-bs.de

Friedrich Schleiermacher – Platons Werke

Platon – Menon Akademie Verlag Berlin - Projekt Gutenberg -

Platon – Phaidros, Parmenides, Theaitetos, Goldmann München o.J.

Max Picard – Die Welt des Schweigens, Fischer-Verlag Frankfurt 1959

Peter Hamm – Das Schwinden des Schweigens, Zeit-Online 1990

Karl Popper – Der Zauber Platons, Francke Verlag Bern 1970

Wikipedia zu Anamnesis / Platon /

 

 

Carla Habel zur Ausstellung Anamnesis, Galerie kunstmix

 

„Vergebens versuchen wir sie (die Vergangenheit) wieder heraufzubeschwören, unser Geist bemüht sich umsonst. Sie verbirgt sich außerhalb seines Machtbereichs und unerkennbar für ihn in irgendeinem stofflichen Gegenstand (...); in welchem, ahnen wir nicht. Ob wir diesem Gegenstand aber vor unserem Tode begegnen oder nie auf ihn stoßen, hängt einzig vom Zufall ab. Viele Jahre lang hatte von Combray außer dem, was der Schauplatz und das Drama meines Zubettgehens war, nichts für mich existiert, als meine Mutter an einem Wintertage, an dem ich durchfroren nach Hause kam, mir vorschlug, ich solle entgegen meiner Gewohnheit eine Tasse Tee zu mir nehmen. Ich lehnte erst ab, besann mich dann aber, ich weiß nicht warum, eines anderen. Sie ließ darauf eines jener dicken ovalen Sandtörtchen holen, die man 'Madeleine' nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Muschel benutzt. Gleich darauf führte ich, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, einen Löffel Tee mit dem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen. In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Mißgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen.“ 1

Unser Gehirn ist eine wahre Wundermaschine. Es speichert alles ab, erkennt Sachen wieder, knüpft Verbindungen und selbst jetzt gerade weiß ich, dass ich mich auf mein Gehirn verlassen kann – die Wörter erkennt es auf einem Blick, ohne dass ich genau lesen muss. Manchmal lässt uns unser Gehirne aber auch im Stich. So mittendrinn macht es einen kleinen Patzer, da stolpern wir auf einmal und müssen doch mal etwas genauer hinschauen.

Anam... Amnes... Nein: A N A M N E S I S

Da machte erst einmal gar nichts bei mir Klick, keine Verbindung war dafür abgespeichert. Aber diese Verbindung kann ich mir ja selber noch beibringen – also einmal nachgeschaut, was es mit Anamnesis auf sich hat.


Anamnesis (auch Anamnese, griechisch  „Erinnerung“) ist ein zentrales Konzept in Platons Erkenntnistheorie und Seelenlehre, dem zufolge alles Wissen in der unsterblichen Seele immer schon vorhanden ist, aber bei der Geburt vergessen wird. Der menschliche Intellekt erschafft kein neues Wissen, sondern erinnert sich nur an das vergessene. Somit beruht jede Erkenntnis auf Erinnerung. Das Wissen steht der Seele zwar immer potentiell zur Verfügung, sie hat aber für gewöhnlich keinen Zugriff darauf. Ein Zugang entsteht, wenn das vergessene Wissen durch äußere Anstöße wieder in das Bewusstsein zurückgerufen wird. Durch die Anstöße, die ein Lehrer gezielt gibt, erinnert sich die Seele des Lernenden an etwas, das ihr eigentlich bereits vertraut ist.“2

Platon behauptet also, dass unser Wissen schon immer in uns gespeichert ist und wir nur einen Anstoß brauchen, damit dieses Wissen wieder an die Oberfläche gelangt. Wir erinnern uns also nur an unser Wissen ohne neues hinzuzufügen. Aber hätte mein Gehirn da nicht bei dem Anstoß Anamnesis in den Schubladen nach der Verknüpfung suchen müssen? Es gibt halt auch Sachen, die trotz eines visuellen oder akustischen oder eines anderen Anstoßes nicht wieder in uns hervorgeholt werden – da hat das Gehirn die Verknüpfung nicht korrekt gespeichert. So ging es auch Andrea Imwiehe als ihre Eltern ihr Kinderfotos von ihr zeigten. Das war so ganz eindeutig sie auf der Abbildung, nur erinnern konnte sie sich daran nicht mehr. An einige Details konnte sie sich noch erinnern, z.B. an einzelne Kleidungstücke, die sie damals hatte, aber nicht an diese konkrete Situation auf den Bildern.

Diese „fehlerhafte“ Erinnerung hat Andrea Imwiehe zum Anlass ihrer Serie Anamnesis genommen. Einzelne Elemente dieser Bilder flossen in ihre Arbeiten ein, dabei wird allerdings nicht das Foto und die richtige Situation dargestellt, sondern die Bilder bestehen vielmehr aus verschiedenen Fragmenten und Ebenen der Erinnerung.

Die ganz klaren Erinnerungen, die Kleidungsstücke, sind auch die Gegenstände in den Werken, die am klarsten, am deutlichsten und am präzisesten dargestellt werden. Sie sind von einer so starken Stofflichkeit, dass man das Gefühl hat, das weiche Material von der Pelzmütze geradezu auf der Haut fühlen zu können. Nur die Farbigkeit stimmt nicht mit der Realität überein: Wie bei vielen Erinnerungen hat sich über die Sachen ein Schleier gelegt, in braun und beige.

Die anderen Elemente der Bilder sind dann nur noch fragile Strichzeichnung: Die Gesichter der Kinder, die Gänse sind nicht mehr realistisch. Diese entziehen sich der klaren Erinnerung und sind nicht mehr greifbar. Es kommt aber noch eine dritte Ebene hinzu: Während die Kinder und Gänse Gäste aus der Vergangenheit sind, sind die Häuser im Hintergrund, Gebäude die heute genau dort stehen: Alle Erinnerungen kommen aus der Gegend in der Andrea Imwiehe aufgewachsen ist – eine Gegend, die sich im Laufe der Zeit verändert hat. Neue Gebäude und Fabrikgelände sind hinzugekommen, altes ist verschwunden. Die Bilder fassen also drei Ebenen zusammen: Klare Erinnerungen aus der Vergangenheit, konstruierte Erinnerungen und die Transformation in die Jetzt-Zeit. Diese Ebenen-Struktur lässt sich auch auf die Malweise von Andrea Imwiehe übertragen. Denn wenn Sie genau hinschauen, dann sehen Sie dass die Malereien auch in verschiedenen Farbschichten aufgetragen sind: Die beiden unteren Schichten sind sehr dunkel – ein dunkles braun oder grün. Darüber eine helle und glatte Schicht in beige bzw. gelb. Die fragilen Zeichnungen sind auch gar nicht auf den Malgrund aufgetragen, sondern sie sind in die oberste Schicht eingeritzt – durch diese Weise wird die unterste Schicht wieder frei gelegt, es wird wieder etwas sichtbar gemacht, was vorher verborgen war, zumindest in Teilen.

Die Bilder von Andrea Imwiehe sind Erinnerungsbilder, die speisen sich aus der eigenen Erinnerung gehen aber über diese hinaus. Ihr Anliegen ist es nicht, eine klare Erinnerung darzustellen, sondern eine Stimmung der Erinnerung, eine Atmosphäre durch die Malerei zu erschaffen. Sie nimmt damit eigentlich das Wesen, die Struktur einer Erinnerung zum Anlass: Selten sind die Erinnerungen ganz plastisch vor uns, vielmehr erinnern wir uns an eine Stimmung, an ein bestimmtes Licht, an einen Geschmack oder eine Atmosphäre. Erleben wir diese Atmosphäre, dieses Licht oder diesen Geschmack noch einmal, kann dies der Antsoß im Sinne von Platon sein, der unsere Verknüpfungen arbeiten lässt – wir erinnern uns an bereits vorhandenes, das tief in uns verborgen war. Die Vegetation, die Andrea Imwiehe in ihren Bildern nutzt, dient vor allem dazu, diese erinnerte Atmosphäre, die Stimmung von damals wieder einzufangen und präsent zu halten. Auch hier handelt es sich nicht um ein klares Bild, sondern nur um die erinnerte Stimmung, die auch mal stark von der Realität abweichen kann. Unsere Erinnerungen sind formbar, sie verändern sich, ihnen kann etwas weggenommen oder auch etwas hinzugefügt werden. Unser Gehirn ist sogar in der Lage falsche Erinnerung zu schaffen. Es ist keine präzise Dokumentation, sondern unser eigenes Gedächtnis, das hier stetig an der Arbeit ist. Und manchmal brauchen wir einen kleinen Schupser, um uns wieder an etwas zu erinnern, was schon sehr lange zurückliegt, an das wir schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten nicht mehr gedacht haben. Für manche sind eventuell auch die Bilder von Andrea Imwiehe ein solcher Stupser...

„Und dann mit einem Male war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen in Combray (...) sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Le?onie anbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen oder Lindenblu?tentee getaucht hatte. Der Anblick jener Madeleine hatte mir nichts gesagt, bevor ich davon gekostet hatte; (...) Aber wenn von einer fru?heren Vergangenheit nichts existiert nach dem Ableben der Personen, dem Untergang der Dinge, so werden allein, zerbrechlicher aber lebendiger, immateriell und doch haltbar, besta?ndig und treu Geruch und Geschmack noch lange wie irrende Seelen ihr Leben weiterfu?hren, sich erinnern, warten, hoffen, auf den Tru?mmern alles u?brigen und in einem beinahe unwirklich winzigen Tro?pfchen das unermessliche Geba?ude der Erinnerung unfehlbar in sich tragen.“3

1 Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit; 10 Bde. Frankfurt am Main 1979, Bd. 1, S. 63.

2 Wikipedia Eintrag zu Anamnesis: https://de.wikipedia.org/wiki/Anamnesis

3 Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit; 10 Bde. Frankfurt am Main 1979, Bd. 1, S. 67.

© Carla Habel, Kunstwissenschaftlerin 2016



 

 

Andrea Imwiehe malt in Acryl auf Holz, wobei sie bis zu acht Schichten Farbe übereinanderlegt. Die dargestellten Gegenstände oder Kleider werden mit einem präzise geführten Pinselstrich in naturalistischer Malweise ausgeführt, bei den architektonischen Formen schneidet sie mit dem Linolschnitzmesser die Linien in den Malgrund, wobei dann die zuerst gemalte dunkle Schicht zu Tage tritt und als Zeichnung erscheint. In ihren neuesten Arbeiten werden diese Schnitte auch bei den figürlichen Darstellungen von ihr eingesetzt.

Farblich zurückgenommen erinnern ihre Bilder an alte Fotoabzüge, die zum Teil schon sehr verblichen sind und somit immateriell, fast geisterhaft, wirken.

Die Arbeitsweise, das Schichtens und Freilegen spiegelt schon beinahe das Thema der Künstlerin wieder, das „Erinnern“.

„Aktives, gezieltes Erinnern ist eine Ressource von unschätzbaren Wert. 'Der Blick zurück stärkt den Blick nach vorn.' Erinnerungen prägen nämlich unser Selbstbild, sie beeinflussen, ob wir unser bisheriges Leben eher als Tragödie oder als Erfolgsgeschichte erzählen und ob wir zuversichtlich oder skeptisch in die Zukunft schauen. Wobei nicht nur die glücklichen Episoden sinnstiftend sind, auch die schmerzhaften enthalten Botschaften für die Gegenwart und die Zukunft. Wir interpretieren die Welt und unsere Lage durch die Brille der Erinnerungen, die uns ermutigen und beflügeln können oder behindern und belasten. Es sind vor allem die, stark an intensive Stimmungen und Gefühle gekoppelten, autobiografischen Erinnerungen, die in der Lage sind starke Emotionen auszulösen.“ ( frei nach: Dipl. Psych. Heike Stüvel)

Die Ausstellung hier im Kunstverein Osterholz trägt den Titel „Sichere Aussichten“.

Der erste Eindruck ist erst einmal Optimismus. Aber gibt es so etwas überhaupt wie „sichere Aussichten“? Banken und Versicherungen versprechen uns das ja, aber wie kann denn etwas sicher sein, was noch in der Zukunft liegt?

Wie oft hatte man schon in seinem Leben die Vorstellung, das sich alles einfindet, was man sich vorstellt. Die unterschiedlichsten Umstände bringen dann aber eine Kurskorrektur.

„Der Mensch denkt, Gott lenkt“, sagt manch einer, der diese Unsicherheiten schon erlebt hat oder er spricht von Schicksal und Bestimmung.

„Sichere Aussichten“ sind eine Illusion, die aber von der Hoffnung lebt und vielleicht ist es ja ein Zufall, das Andrea Imwiehe als bindendes Element hier in der Ausstellung die Farbe Grün gewählt hat, die symbolisch als Farbe der Hoffnung auftritt.

Aber ist das wirklich ein hoffnungsvolles Grün, das Grün von Wiesen und Wäldern? Viel mehr ist es ein Olivgrün, das am verblassen ist und so eher an eine Patina erinnert. Es ist stumpf, eingetrübt, manchmal auch kühl, und ruft ein Gefühl von Nostalgie hervor.

Andrea Imwiehe zeigt hier in der Ausstellung drei verschiedene Serien, wobei die Übergänge fließend sind. Es sind Serien, an denen die Künstlerin seit 2011 immer noch arbeitet. Mit der Zeit verändert sie die Farbigkeit oder wird heller in den Nuancierungen,verdichtet mehr den Bildgrund. Ihre Themen sind eng mit der eigenen Biografie verknüpft und werden so mit Emotionen aufgeladen. In ihrer gestalterischen Reduzierung, durch das Setzen von Leerstellen, erhalten sie eine Allgemeingültigkeit, die den Betrachter mit seiner eigenen Geschichte in Berührung bringen kann.

Die erste Serie, die ich kurz vorstelle besteht eigentlich aus drei Reihen: „Waldesruh“, „Waldheimat“ und Grüße aus Schweigen“. Bei „Waldesruh“ verweist Andrea Imwiehe auf die Ambivalenz zwischen dem Ansitz des Jägers in der Stille des Waldes, die er dann durch seine tötenden Schüsse selber zerstört. Symbolisch betrachtet steht der Wald für das Unbewusste. Der Wald hat was beschützend, aber auch was Angst auslösendes. Ein Haus im Wald macht neugierig, was aus dem Märchen von Hänsel und Gretel hinlänglich bekannt ist. Dort ist es das Hexenhaus. Aber das Haus im Wald hat eben auch eine Schutzfunktion wie im Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen oder als Försterhaus.

Das es sich bei dem abgebildeten Haus um die einst real existierende Heimat eines Verwandten der Künstlerin handelt, ist für den Betrachter erst einmal nicht wichtig. Er ist eingeladen seine eigenen Assoziationen ins Spiel zu bringen und der Einstieg in die Bilder von Andrea Imwiehe beginnt wie auch bei den Märchen mit einem „ Es war einmal...“

Die aktuellsten Arbeiten von Andrea Imwiehe sehen wir in einer dritte Serie mit dem Titel „Anamnesis“, was aus dem griechischen kommt und soviel wie „Erinnerung“ heißt. Auslöser dieser Reihe waren alte Dias aus der Kindheit der Künstlerin. Auch hier ging es ihr in erster Linie um die Kleidung, auch wenn jetzt auch Tiere und Kinder abgebildet sind. Dadurch, dass sie aber nur linear auftauchen, sind sie nicht so präsent und lassen keine konkrete Identifizierung zu. So, dass auch hier der Betrachter wieder eingeladen ist, mit sich selber und seinen eigenen Erinnerungen in Kontakt zu kommen.

Als ich die Bilder das erste mal gesehen habe, hatte ich sofort beim Anblick der Gänse und der dicken Kleidung an die Geschichte von Nils Holgerson von Selma Lagerlöf denken müssen. Aber das sind eben meine eigenen Assoziationen, die durch die Bilder Andrea Imwiehes angeregt werden. Eben weil die dargestellten Objekte frei von individuellen Merkmalen sind, sind sie in der Lage unser eigenes Kopfkino in Gang zusetzen um in die eigene Vergangenheit zu schauen. Eben weil die Räume so verlassen wirken, rücken die einzelnen Gegenstände in den Vordergrund und bekommen dadurch etwas sakrales Fetischhaftes. obwohl es doch eigentlich so banale Gegenstände sind.

Es ist die Erinnerung, die man mit einem Gegenstand verknüpft, die Vertrautheit durch die langjährige Nutzung, die Assoziation von damit verbundenen Situationen, die ein, für Außenstehende banal wirkendes Objekt in den Status eines subjektiv empfundenen unermesslichen Schatzes erheben kann.

Andrea Imwiehe möchte keine Nostalgie mit ihren Bilder hervorrufen, vielmehr die Gelegenheit anbieten, einen Blick in die eigenen Erinnerungen zu werfen und so eine Verbindung zum „heute“ herzustellen. Ihre eigene Biografiearbeit wird zur Erinnerungsarbeit des Betrachters.

© Martin Koroscha 2015

 

 

 

 


Andrea Imwiehe ist eine Archäologin der Erinnerung. Das, womit sie umgeht - die Farben, die sie wählt, die Linien, die sie setzt und die Motive, die sie wählt – umkreisen dieses vage Feld, in dem Verlorenes und Vergangenes aufbewahrt wird – und wiedererschaffen! Denn das Gedächtnis ist keine Schublade, in der das einmal dort Abgelegte unangetastet wieder hervorgezogen werden könnte, sondern jede Erinnerungsleistung ist eine im jeweiligen Moment neugeschaffene Rekonstruktion. Diese Gemälde haben auch mit einer Rekonstruktionsabsicht zu tun: Sie deuten auf eine verlorene Welt und vereinzelte, in ihrer Bedeutung fragwürdig gewordene Dinge, die jedoch auf eine so besondere Weise behandelt sind, dass sie nicht nur die Künstlerin, sondern auch die Betrachtenden dazu einladen, ihren verschwundenen Kontext neu wiedererstehen zu lassen.


Man könnte im ersten Moment denken, die Malerin würde einfache Dinge abbilden, ziemlich realistisch und diesseitig-konkret: Koffer, Kleider, Möbelstücke. Doch in deren einsamer Verortung in leeren Räumen wird spürbar, dass sie ihrer ursprünglichen Bedeutung verlustig gegangen sind und ihr Schicksal ungewiss ist. Andrea Imwiehe malt Gegenstände, die aus einer vergangenen Welt hereinragen in unsere Gegenwart und die unsere Erinnerung entzünden können: die an den alten Mantel eines Großvaters zum Beispiel, die Kaffeekanne der Großmutter oder das gehäkelte Plüschkissen einer hundertjährigen Verwandten. Manche Kleidungsstücke sind zum Teil gar nicht mehr gebräuchlich, wie dieser weiße Kinderkragen zum Einknöpfen, oder Stofftaschentücher, die im Tempo-Zeitalter kaum noch jemand benutzt. Einen solchen Klammerbeutel von damals auf einem Bild zu sehen, kann einen in der Erinnerung sofort zu einer bestimmten Situation vor einer Wäscheleine im Hof einer Tante führen und weitere Eindrücke wie die Kälte der Luft oder den Geruch frischer Kleider hervorholen.

Die Malerin geht von eigenen konkreten Erinnerungen aus und Gegenständen, die eine persönliche Bedeutung für sie haben, ohne jedoch eine persönliche Mythologie daraus zu machen, in die sich die Betrachtenden eindenken müssten. Vielmehr wendet sie die Objekte durch die Herauslösung und die sorgfältige, detailreiche Einzelpräsentation so ins Überpersönlich-Allgemeine, dass eigene Erfahrungen und Bilder in uns wachgerufen werden. Denn ihr Lebenszusammenhang ist nicht ausgestaltet – wo sich diese frei flottierenden, collagenhaft in die Bildfläche gesetzten Motivfelder eigentlich befinden, ist ganz unbestimmt.


Sie schweben auf einer homogenen farbigen Fläche, die aus drei bis vier übereinandergelegten Farbschichten besteht, von deren unteren jeweils schmale Streifen zu sehen bleiben, die das Bild wie einen eigenen Rahmen umgeben. Auch hier haben wir eine Analogie zu der Erinnerung, in der sich Tag um Tag neue Schichten bilden. Man kann die Vergangenheit nie als Ganzes wieder zu sehen bekommen, sondern nur in Teilen hervorholen. So kratzt die Künstlerin in die oberste Schicht mit einem Linoleumwerkzeug schmale Furchen heraus, in denen die unterste dunkle Farbschicht als Zeichnungsfarbe hervortritt. Diese Linien sind ausgewählt und sehr reduziert, gerade soviel, wie das Bild als Ganzes benötigt und verträgt. Sie dienen den Gegenständen als Stütze oder Aufhänger – Kleidungsstücke hängen z. B. über einem angedeuteten Stuhl oder von einem Fenstergriff herab – oder es werden durch diese Zeichnungen Raumsituationen markiert, in denen sich die Objekte befinden könnten. Das Wissen über das Zustandekommen der Linien bringt die Vorstellung mit sich, dass noch mehr »zu holen« wäre, dass ein vollständiges Bild unter der Oberfläche läge, das bisher nur in Umrissen zur Erscheinung kommt.


Dieser Vorgang beschreibt das Thema ihrer Bilder: das Verlorene, Verschwundene, nicht Gesehene oder nicht Sichtbare anschaulich zu machen. Orte zu evozieren, die verlassen sind, oder die es gar nicht mehr gibt, ebenso wie Zeiten, die unwiederbringlich vorbei sind. Die Kindheit ist auch so ein Ort.

Die Gemälde haben etwas Anrührendes, indem sie die Fragilität des menschlichen Lebens umschreiben. Die Menschen, die diese Kleider getragen und sie so viele, viele Male gewaschen, aufgehängt, gebügelt und zusammengelegt haben, sind im Bild abwesend, aber sie beschäftigen unsere Imagination. Ihr Fehlen lässt an den Tod denken, an das aus den Räumen entwichene Leben. Durch die Hervorhebung der einzelnen Objekte bekommen diese den Charakter einer Hinterlassenschaft, bei der die nachfolgenden Generationen sich bei jedem Ding, das sie in die Hand nehmen, fragen müssen: wegwerfen oder behalten? Die malerische Aussonderung von Lampe, Bluse oder Spielzeugpferd auf der Bildfläche macht diesen Prozess des Auswählens deutlich, und auch die Empfindungen, die mit dem Sortieren von alten Dingen einhergehen. Jedes Ding ist aufgeladen mit konkreten Erinnerungen an ein Leben, in dem es seinen Platz gehabt hat und einen Menschen, dessen Gewohnheiten und persönliche Besonderheiten daran noch anhaften. Dadurch entsteht eine vom Gebrauchswert völlig unabhängige Wichtigkeit, die auf einer immateriellen Ebene liegt. Und das Bemerkenswerte an diesen Bildern ist, dass diese neue Wertschöpfung für jeden spürbar wird. In der Sorgfalt und Aufmerksamkeit, die die Künstlerin diesen Habseligkeiten malend entgegenbringt, fängt sie etwas Größeres in ihnen ein: die Schönheit eines gelebten Lebens in der Einfachheit der täglichen Wiederholungen. Sie macht anschaulich, was man nicht sehen kann, die Liebe eines Kindes zu seinem Teddybären oder die Geste einer Großmutter, wie sie den Stoff ihres Rockes glattstreicht.


Beim Betrachten tauchen existenzielle Fragen auf: Was hat Bestand? Was brauche ich wirklich von den Dingen, die ich angehäuft habe? Woran hänge ich – was würde ich mitnehmen? Die politische Wirklichkeit, in der so viele Menschen ihre Heimat verlassen und das Allermeiste zurücklassen müssen, schwingt in diesen Bildern ebenfalls mit.

Die knappen, sprechenden Titel, die Andrea Imwiehe für ihre Bildserien findet, bieten in dieser Hinsicht einen weiter gefassten Bezugsrahmen, in welchem sich sich ihre Themen spiegeln: »Mangelware« ist zum Beispiel eine Reihe von Werken genannt, die Kindersachen auf der Leine zeigen. Auch hier wieder ist die Zerbrechlichkeit und Kostbarkeit menschlichen Lebens fühlbar, wo der Gedanke an die Kriege nahe liegt, die unsere Großeltern- und Elterngenerationen durchleben mussten (und viele Menschen in heutigen Krisengebieten), wo an allem Lebenserhaltenden ein Mangel herrscht.


In den Gemälden ist das Tieferliegende von Bedeutung, das, was nicht unmittelbar zu sehen ist und doch da ist. Dieses eigentümliche Sowohl-als-Auch zeichnet die Malerei von Andrea Imwiehe insgesamt aus: sie ist exakt und leicht unpräzise zugleich, real und vorgestellt, selbstbewusst und bescheiden. Die Klarheit ihrer Formen hat etwas von der pragmatischen Eingängigkeit großmütterlicher Prinzipien. Auf der anderen Seite entsteht in den räumlichen Andeutungen, den leichten Verzerrungen und den verblassten Erinnerungsfarben ein geheimnisvolles Eigenleben, das sich nicht dingfest machen lässt. Was verloren ist, imaginiert sie – nicht in verschwenderischer Erfindung, sondern mit restaurativer Fantasie.

Anhand dieser Bilder können auch wir als Betrachtende einen Teil unserer Vergangenheit zurück-entdecken.

 

Dr. Anette Naumann, Kunsthistorikerin

 

 

 

 

 

 

 

Die Röcke, Hemden und Mäntel auf Andrea Imwiehes Gemälden sind Platzhalter für die Geschichten ihrer Trägerinnen. Einst repräsentativ für den Stand ihrer Besitzer, deren reiche Ornate sie einer noblen Schicht zuwiesen, deren Lumpen mit Löchern sie den Bettlern oder der ärmsten Schicht zuordneten – Kleider auf historischen Gemälden waren Teil der Ikonographie, der Bildsprache, die uns die Inhalte der Malerei nahebringt. Kleider sind auch heute Teil der vielen globalen Kulturen, sie gehören zu uns, vermitteln Normalität wie Upperclass und Underdogs, zeugen vom Sinn für Kreativität und Farbe oder aber von langweiligem Architekten-und Kuratorenschwarz.

Imwiehe setzt keine Menschen in Szene, sondern fokussiert nur das Textil. Indem sie die Stofflichkeit zart und poetisch Ton in Ton interpretiert, entstehen kleinformatige Kostbarkeiten, Kabinettstücke, die die alltäglichen, nicht unbedingt außergewöhnlichen Blusen, Röcke, Hemden, Strampelanzüge, Kinderhauben und –Schühchen adeln.

Die Stärke der Künstlerin ist es, die Stille zum Klingen zu bringen. Sie vermag dies zu tun, indem sie Umrisszeichnungen von Koffern, Stühlen, oder einfach nur die Linie einer Wäscheleine mit Malerei kombiniert und die gemalten Objekte in der Physis ihrer Farbe die Saiten jener Linien spielen lässt. Die Inhalte der Bilder gründen auf persönlichen Erinnerungen der Künstlerin aus ihrer Familiengeschichte. Und tatsächlich wirken die stillen Anmutungen wie Rückspiegel in vergangene Zeiten, nostalgische Blicke auf die Kindheit, auf die Zeit, in der man (hoffentlich) unbefangen den alten Klamotten entwuchs und einen Schritt tut in die Zukunft mit einem wehmütigen Gedanken an eine vielleicht schöne Jugend.

Es sind nur wenige Mittel, die die Künstlerin verwendet, um frei von Figurationen gefühlvoll eine narrative Ebene zu generieren. Sie appelliert an unser Gedächtnis und unsere Erfahrungen, denn alles, was wir sehen, kommt uns irgendwie bekannt vor. Die Serien heißen Altkleider, Mangel- und Kurzware, sie erinnern an den Teil unserer Jugend, in dem wir auf Großmutters Speicher in alten Koffern nach den Schätzen vergangener Zeiten stöberten.

Erinnerungen manifestieren sich oft in Objekten des Alltags und einige von uns heben z.B. noch heute ihre Kinderschuhe auf.

Eher unbedeutende Textilien, ihre Zeit schon ein wenig überdauert, erhebt Andrea Imwiehe poetisch in den Mittelpunkt ihres Schaffens und spielt mit Titeln wie „Mangelware“, bei der nicht nur an die früheren Heißbügelbetriebe gedacht werden sollte, sondern an die Verknappung der für uns heute so selbstverständlichen Textilflut in Zeiten des Krieges. Die Künstlerin hebt auf ihrer eigenen Familienhistorie ab, sprich der Kriegsgeneration ihrer Großeltern und transportiert die Inhalte in die heutige Situation, in der Krieg oder Mangel nicht gerade Fremdworte sind.

 

Barbara Leicht M.A., Kunsthistorikerin, Kunstmuseum Erlangen

 

 

 

 

Ansichtssachen“

Die Poesie des Alltäglichen ist das Hauptthema von Andrea Imwiehe. Sind es doch die kleinen Dinge, an denen wir hängen, weil wir bestimmte Erinnerungen mit ihnen verbinden, wie Fotos oder gebrauchte Gegenstände, die eine Vergangenheit haben und von ganz persönlichem, emotionalen Wert für uns sind. Kostbarkeit ist daher nur individuell zu ermessen, so die Künstlerin, die in ihren Serien aus unterschiedlichen Perspektiven auf alltägliche Lebensräume blickt.

Sie geht auf Schatzsuche und erkennt den ideellen Wert unscheinbarer Orte. In der ehemaligen Direktorenwohnung im alten DG, die unbewohnt und verlassen langsam verfällt, fördert sie lange Versunkenes zutage, erspürt in dem „von den Zeitläufen aufgeladenen Mikrokosmos“ eine Fülle von „Geschichten und Assoziationen“. Innerhalb des bestehenden Raums überwindet sie die Grenzen der Zeit.

Für die hier ausgestellte Serie „Ansichtssachen“ gestaltete Andrea Imwiehe zwölf Holztafeln in akribischer Feinarbeit. Die Farbstimmung der Wohnung aufnehmend trug sie heller werdende Brauntöne mehrschichtig auf. Dann ritzte sie Linienzeichnungen der zuvor fotografierten Raumansichten in die Acrylfarbe und malte schließlich einzelne, teils vor Ort gefundene Gegenstände plastisch in den Vordergrund. Diese sind so subjektiv in Auswahl und Darstellung wie allgemeingültig in ihrer Funktion: ein abgenutzter Sessel zum Sitzen, ein geblümtes Kissen, um sich zu betten, ein altes Spielzeug, an dem das Herz hängt und andere Dinge, mit denen der Mensch lebt. Erhabenheit im doppelten Wortsinn erzeugend veredelte die Künstlerin Details dieser Objekte mit Schwabacher Blattgold.

Dr. Christine Demele, Kunsthistorikerin