Die Bilder von Andrea Imwiehe sind Erinnerungsbilder, die speisen sich aus der eigenen Erinnerung gehen aber über diese hinaus. Ihr Anliegen ist es, eine Atmosphäre durch die Malerei zu erschaffen. Sie nimmt damit eigentlich das Wesen, die Struktur einer Erinnerung zum Anlass: Selten sind diese ganz plastisch vor uns, vielmehr erinnern wir uns an eine Stimmung, an ein bestimmtes Licht, an einen Geschmack oder eine Atmosphäre. Erleben wir diese Atmosphäre, dieses Licht oder diesen Geschmack noch einmal, kann dies der Anstoß im Sinne von Platon sein, der unsere Verknüpfungen arbeiten lässt – wir erinnern uns an bereits vorhandenes, das tief in uns verborgen war. Die Vegetation, die Andrea Imwiehe in ihren Bildern nutzt, dient vor allem dazu, diese erinnerte Atmosphäre, die Stimmung von damals wieder einzufangen und präsent zu halten. Auch hier handelt es sich nicht um ein klares Bild, sondern nur um die erinnerte Stimmung, die auch mal stark von der Realität abweichen kann. Unsere Erinnerungen sind formbar, sie verändern sich, ihnen kann etwas weggenommen oder auch etwas hinzugefügt werden. Unser Gehirn ist sogar in der Lage falsche Erinnerung zu schaffen. Es ist keine präzise Dokumentation, sondern unser eigenes Gedächtnis, das hier stetig an der Arbeit ist.

 

Carla Johanna Frese, Kunstwissenschaftlerin


Dr. Anette Naumann zur Ausstellung Randbereiche, Galerie 149

Andrea Imwiehe ist eine Archäologin der Erinnerung. Das, womit sie umgeht - die Farben, die sie wählt, die Linien, die sie setzt und die Motive, die sie wählt – umkreisen dieses vage Feld, in dem Verlorenes und Vergangenes aufbewahrt wird – und wiedererschaffen! Denn das Gedächtnis ist keine Schublade, in der das einmal dort Abgelegte unangetastet wieder hervorgezogen werden könnte, sondern jede Erinnerungsleistung ist eine im jeweiligen Moment neugeschaffene Rekonstruktion. Diese Gemälde haben auch mit einer Rekonstruktionsabsicht zu tun: Sie deuten auf eine verlorene Welt und vereinzelte, in ihrer Bedeutung fragwürdig gewordene Dinge, die jedoch auf eine so besondere Weise behandelt sind, dass sie nicht nur die Künstlerin, sondern auch die Betrachtenden dazu einladen, ihren verschwundenen Kontext neu wiedererstehen zu lassen.

Man könnte im ersten Moment denken, die Malerin würde einfache Dinge abbilden, ziemlich realistisch und diesseitig-konkret: Koffer, Kleider, Möbelstücke. Doch in deren einsamer Verortung in leeren Räumen wird spürbar, dass sie ihrer ursprünglichen Bedeutung verlustig gegangen sind und ihr Schicksal ungewiss ist. Andrea Imwiehe malt Gegenstände, die aus einer vergangenen Welt hereinragen in unsere Gegenwart und die unsere Erinnerung entzünden können: die an den alten Mantel eines Großvaters zum Beispiel, die Kaffeekanne der Großmutter oder das gehäkelte Plüschkissen einer hundertjährigen Verwandten. Manche Kleidungsstücke sind zum Teil gar nicht mehr gebräuchlich, wie dieser weiße Kinderkragen zum Einknöpfen, oder Stofftaschentücher, die im Tempo-Zeitalter kaum noch jemand benutzt. Einen solchen Klammerbeutel von damals auf einem Bild zu sehen, kann einen in der Erinnerung sofort zu einer bestimmten Situation vor einer Wäscheleine im Hof einer Tante führen und weitere Eindrücke wie die Kälte der Luft oder den Geruch frischer Kleider hervorholen.

Die Malerin geht von eigenen konkreten Erinnerungen aus und Gegenständen, die eine persönliche Bedeutung für sie haben, ohne jedoch eine persönliche Mythologie daraus zu machen, in die sich die Betrachtenden eindenken müssten. Vielmehr wendet sie die Objekte durch die Herauslösung und die sorgfältige, detailreiche Einzelpräsentation so ins Überpersönlich-Allgemeine, dass eigene Erfahrungen und Bilder in uns wachgerufen werden. Denn ihr Lebenszusammenhang ist nicht ausgestaltet – wo sich diese frei flottierenden, collagenhaft in die Bildfläche gesetzten Motivfelder eigentlich befinden, ist ganz unbestimmt.

Sie schweben auf einer homogenen farbigen Fläche, die aus drei bis vier übereinandergelegten Farbschichten besteht, von deren unteren jeweils schmale Streifen zu sehen bleiben, die das Bild wie einen eigenen Rahmen umgeben. Auch hier haben wir eine Analogie zu der Erinnerung, in der sich Tag um Tag neue Schichten bilden. Man kann die Vergangenheit nie als Ganzes wieder zu sehen bekommen, sondern nur in Teilen hervorholen. So kratzt die Künstlerin in die oberste Schicht mit einem Linoleumwerkzeug schmale Furchen heraus, in denen die unterste dunkle Farbschicht als Zeichnungsfarbe hervortritt. Diese Linien sind ausgewählt und sehr reduziert, gerade soviel, wie das Bild als Ganzes benötigt und verträgt. Sie dienen den Gegenständen als Stütze oder Aufhänger – Kleidungsstücke hängen z. B. über einem angedeuteten Stuhl oder von einem Fenstergriff herab – oder es werden durch diese Zeichnungen Raumsituationen markiert, in denen sich die Objekte befinden könnten. Das Wissen über das Zustandekommen der Linien bringt die Vorstellung mit sich, dass noch mehr »zu holen« wäre, dass ein vollständiges Bild unter der Oberfläche läge, das bisher nur in Umrissen zur Erscheinung kommt.

Dieser Vorgang beschreibt das Thema ihrer Bilder: das Verlorene, Verschwundene, nicht Gesehene oder nicht Sichtbare anschaulich zu machen. Orte zu evozieren, die verlassen sind, oder die es gar nicht mehr gibt, ebenso wie Zeiten, die unwiederbringlich vorbei sind. Die Kindheit ist auch so ein Ort.

Die Gemälde haben etwas Anrührendes, indem sie die Fragilität des menschlichen Lebens umschreiben. Die Menschen, die diese Kleider getragen und sie so viele, viele Male gewaschen, aufgehängt, gebügelt und zusammengelegt haben, sind im Bild abwesend, aber sie beschäftigen unsere Imagination. Ihr Fehlen lässt an den Tod denken, an das aus den Räumen entwichene Leben. Durch die Hervorhebung der einzelnen Objekte bekommen diese den Charakter einer Hinterlassenschaft, bei der die nachfolgenden Generationen sich bei jedem Ding, das sie in die Hand nehmen, fragen müssen: wegwerfen oder behalten? Die malerische Aussonderung von Lampe, Bluse oder Spielzeugpferd auf der Bildfläche macht diesen Prozess des Auswählens deutlich, und auch die Empfindungen, die mit dem Sortieren von alten Dingen einhergehen. Jedes Ding ist aufgeladen mit konkreten Erinnerungen an ein Leben, in dem es seinen Platz gehabt hat und einen Menschen, dessen Gewohnheiten und persönliche Besonderheiten daran noch anhaften. Dadurch entsteht eine vom Gebrauchswert völlig unabhängige Wichtigkeit, die auf einer immateriellen Ebene liegt. Und das Bemerkenswerte an diesen Bildern ist, dass diese neue Wertschöpfung für jeden spürbar wird. In der Sorgfalt und Aufmerksamkeit, die die Künstlerin diesen Habseligkeiten malend entgegenbringt, fängt sie etwas Größeres in ihnen ein: die Schönheit eines gelebten Lebens in der Einfachheit der täglichen Wiederholungen. Sie macht anschaulich, was man nicht sehen kann, die Liebe eines Kindes zu seinem Teddybären oder die Geste einer Großmutter, wie sie den Stoff ihres Rockes glattstreicht.

Beim Betrachten tauchen existenzielle Fragen auf: Was hat Bestand? Was brauche ich wirklich von den Dingen, die ich angehäuft habe? Woran hänge ich – was würde ich mitnehmen? Die politische Wirklichkeit, in der so viele Menschen ihre Heimat verlassen und das Allermeiste zurücklassen müssen, schwingt in diesen Bildern ebenfalls mit.

Die knappen, sprechenden Titel, die Andrea Imwiehe für ihre Bildserien findet, bieten in dieser Hinsicht einen weiter gefassten Bezugsrahmen, in welchem sich sich ihre Themen spiegeln: »Mangelware« ist zum Beispiel eine Reihe von Werken genannt, die Kindersachen auf der Leine zeigen. Auch hier wieder ist die Zerbrechlichkeit und Kostbarkeit menschlichen Lebens fühlbar, wo der Gedanke an die Kriege nahe liegt, die unsere Großeltern- und Elterngenerationen durchleben mussten (und viele Menschen in heutigen Krisengebieten), wo an allem Lebenserhaltenden ein Mangel herrscht.

In den Gemälden ist das Tieferliegende von Bedeutung, das, was nicht unmittelbar zu sehen ist und doch da ist. Dieses eigentümliche Sowohl-als-Auch zeichnet die Malerei von Andrea Imwiehe insgesamt aus: sie ist exakt und leicht unpräzise zugleich, real und vorgestellt, selbstbewusst und bescheiden. Die Klarheit ihrer Formen hat etwas von der pragmatischen Eingängigkeit großmütterlicher Prinzipien. Auf der anderen Seite entsteht in den räumlichen Andeutungen, den leichten Verzerrungen und den verblassten Erinnerungsfarben ein geheimnisvolles Eigenleben, das sich nicht dingfest machen lässt. Was verloren ist, imaginiert sie – nicht in verschwenderischer Erfindung, sondern mit restaurativer Fantasie.

Anhand dieser Bilder können auch wir als Betrachtende einen Teil unserer Vergangenheit zurück-entdecken.

Dr. Anette Naumann, Kunsthistorikerin